Psychische Gesundheit stärken, Gefahren erkennen, Unfälle vermeiden
KUNSTSTOFF.swiss organisiert im Rahmen der Branchenlösung Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz jährlich zwei ERFA-Tagungen. Am 21. Mai 2026 in Rapperswil zeigten Fachpersonen praxisnah, wie Unternehmen psychische Belastungen früh erkennen, Gefährdungen systematisch erfassen und Nichtberufsunfälle reduzieren. Praxisübungen und Erfahrungsaustausch sorgten für direkten Bezug zum Arbeitsalltag.
Die erste Durchführung der jährlichen Weiterbildung fand an der OST – Ostschweizer Fachhochschule Rapperswil statt. Riccardo Casanova, Geschäftsführer von KUNSTSTOFF.swiss, begrüsste die Teilnehmenden und führte durch das Programm.
Psychische Gesundheit – früh erkennen und unterstützen
Den Auftakt machte Bianca Indino, Ensa-Instruktorin, mit einem Vortrag zum Thema «Psychische Gesundheit». Sie zeigte auf, dass psychische Gesundheit ein Gleichgewicht zwischen Belastungen und Ressourcen ist und von persönlichen, sozialen und betrieblichen Faktoren beeinflusst wird.
Psychische Gesundheit betrifft uns alle – jede zweite Person ist im Laufe ihres Lebens betroffen. Dennoch werden psychische Störungen häufig zu spät erkannt und behandelt, unter anderem wegen Stigmatisierung und Unsicherheiten im Umgang damit. Als Ursachen nannte Indino insbesondere Leistungs- und Zeitdruck, hohe Erwartungen, fehlenden Handlungsspielraum sowie Konflikte im Arbeitsalltag. Auch persönliche Faktoren wie Perfektionismus oder mangelnde Erholung können das Gleichgewicht stören. Die Auswirkungen zeigen sich etwa in emotionaler Erschöpfung, Konzentrationsproblemen, verminderter Leistungsfähigkeit oder verändertem Verhalten wie Rückzug.
Ein zentraler Bestandteil des Referats war das Konzept der Ersten Hilfe für psychische Gesundheit. Anhand des «ROGER-Modells» lernten die Teilnehmenden in fünf Schritten, wie sie Veränderungen frühzeitig erkennen und angemessen darauf reagieren können:
- Reagieren: Beobachtungen ohne Vorurteile ansprechen
- Offen zuhören: Mit Offenheit und W‑Fragen Raum geben
- Geben von Unterstützung und Information
- Ermutigen zu professioneller Hilfe
- Reaktivieren von Ressourcen
Ziel ist es, betroffene Personen anzusprechen, zuzuhören und sie zu ermutigen, Unterstützung anzunehmen – ohne selbst in eine therapeutische Rolle zu gehen.
Gefahrenermittlung – Risiken systematisch erkennen und handeln
Im zweiten Teil der Tagung zeigte Urs Haberstich von der SUVA praxisnah auf, wie zentral eine strukturierte Gefahrenermittlung im Betrieb ist. Seine klare Botschaft: Gefährdungen lassen sich nur richtig einschätzen, wenn sie bekannt sind. Das Ermitteln von Sicherheits- und Gesundheitsrisiken gehört deshalb zu den zentralen Aufgaben jedes Unternehmens.
Haberstich führte die Teilnehmenden Schritt für Schritt durch das Vorgehen: Arbeitsbereiche strukturieren, Tätigkeiten und Arbeitsmittel erfassen, Gefährdungen systematisch identifizieren, Massnahmen festlegen und deren Wirksamkeit überprüfen.
Besonders eindrücklich war die Vielfalt der Gefährdungen in der Industrie – von Stolperstellen, Maschinen und elektrischen Risiken über ergonomische Belastungen bis hin zu chemischen Stoffen und psychischen Einflüssen. Viele dieser Gefahren sind alltäglich – und werden genau deshalb oft unterschätzt.
Zur Unterstützung stellte Haberstich konkrete Tools und Hilfsmittel vor: Checklisten und Sicherheitsdatenblätter, digitale Tools zur Dokumentation sowie Messgeräte wie Lärm- oder Gasmessgeräte. Ein weiterer Schlüsselfaktor ist die Einbindung der Mitarbeitenden. Sie kennen ihre Arbeitsplätze am besten und erkennen Gefahren oft frühzeitig.
Nach dem Mittag setzten die Teilnehmenden das Gelernte direkt um: In Gruppen analysierten sie konkrete Beispiele und führten eigene Gefährdungsermittlungen durch.
Nichtberufsunfälle – Prävention über den Betrieb hinaus
Am Nachmittag rückte Tiziana Iseppi von der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) das Thema Nichtberufsunfälle (NBU) in den Fokus. Diese machen den grössten Teil aller Unfälle aus und führen jährlich zu erheblichen Ausfallzeiten in den Unternehmen.
Insgesamt ereignen sich jährlich über eine Million Nichtberufsunfälle (NBU) in der Schweiz. Rund zwei Drittel davon passieren im Haushalt und in der Freizeit, der Rest im Sport oder im Strassenverkehr. Besonders häufig sind Stürze zu Hause und in der Freizeit. Die meisten Sturzunfälle über alle Altersklassen hinweg geschehen auf gleicher Ebene, also beim Gehen oder bei Transferbewegungen wie dem Aufstehen vom Bett oder Stuhl.
Im Praxisteil wurden die Teilnehmenden selbst aktiv: An drei Stationen ging es darum, Risiken konkret zu erkennen – etwa durch Gleichgewichtsübungen, ein Escape-Spiel mit Sicherheitsbezug sowie das Unterscheiden von gefährlichem und sicherem Verhalten auf einem Plakat. Dabei wurde klar: Viele Unfälle entstehen im Alltag – oft dort, wo niemand hinschaut.
Iseppi zeigte auf, wie Unternehmen ihre Mitarbeitenden auch in diesem Bereich unterstützen können – etwa durch Sensibilisierung, Informationskampagnen oder konkrete Präventionsangebote. Einfache Massnahmen wie sichere Wohnumgebungen, geeignetes Schuhwerk oder körperliche Aktivität können das Unfallrisiko deutlich reduzieren.
Erfahrungsaustausch – voneinander profitieren
Ein wichtiger Bestandteil der Tagung war der praxisnahe Erfahrungsaustausch zwischen den Teilnehmenden. In Diskussionen wurden aktuelle Herausforderungen aus dem Berufsalltag aufgegriffen – etwa der Umgang mit psychischen Belastungen oder die Umsetzung von Präventionsmassnahmen.
Der offene Austausch bot Raum für neue Perspektiven und konkrete Lösungsansätze. Viele Teilnehmende nahmen wertvolle Ideen mit, die sich direkt im eigenen Betrieb umsetzen lassen.
Erste ERFA-Tagung verpasst?
Kein Problem! Seien Sie am 10. September 2026 bei der nächsten ERFA-Tagung in Olten dabei – mit den gleichen spannenden Themen rund um Psychische Gesundheit, Gefahrenermittlung und Nichtberufsunfälle. Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme! Die ERFA-Tagung wird mit 2 Fortbildungseinheiten der Schweizerischen Gesellschaft für Arbeitssicherheit (SGAS) angerechnet. ►Zur Anmeldung